Müllerei ohne Mühle

von Gabriele Huber

Seit fast 200 Jahren steht die Neckarmüllerei am Neckarufer, in exponierter Lage am Eingang
zur Altstadt, mit direktem Blick auf den Fluss. Die Gaststätte war bereits im 19.
Jahrhundert ein viel besuchtes Ziel und hat eine abwechslungsreiche Geschichte: Sie war
Vorzeigewirtschaft und Ort von Schlägereien. Sie hatte Besuch vom Bundespräsidenten,
erhielt Beschwerden aus der Nachbarschaft und Anzeigen bei der Polizei. Aber eine
Mühle war sie nie. Sie erhielt ihren Namen, wie viele andere Häuser in Tübingen auch,
von einem ihrer Besitzer, der Müller hieß. Die Traditionsgaststätte am Neckarufer hat
heute eine sehr moderne Außenfassade, ist aber innen rustikal gestaltet.

Bereits im 19. Jahrhundert, mit Beginn des Tourismus, war die Wirtschaft „ Neckarmüllerei“
ein attraktives Ziel. Sie wurde häufig besucht, sowohl von Einheimischen, als auch von
Personen, die sich auf einer Reise befanden.
1823 hatte ein Lustnauer Zimmermann mit Namen Michael Müller das Anwesen mit Haus und
Garten vor dem Neckartor von einer adligen „Jungfer Julie von May“ gekauft. Sie hatte das
Grundstück 1811, sieben Jahre nach Abbruch des Neckartores, von dem damaligen Spitalpfleger
Vogt erworben und eine „ Fräuleinpension“ darauf erbaut. Diese lohnte sich wahrscheinlich
nicht, so dass sie das viergeschossige Gebäude mit Scheuer und Waschhaus an den Lustnauer
Zimmermann verkaufte.
Der Sohn des Zimmermanns, Carl Friedrich, richtete 1844 in dem Haus am Neckar eine sogenannte
Schildwirtschaft ein. Eine solche Schildwirtschaft durfte Gäste beherbergen und bewirten,
im Gegensatz zu einer Besenwirtschaft, die früher nur zeitweise ausschenken durfte. Sie
wurde bald über Tübingen hinaus bekannt. Weil der Besitzer Müller hieß, wurde die Wirtschaft
zuerst Müllerei genannt. Da sie am Neckar stand, lautete ihr Name bald „Neckarmüllerei“.
Cafe und Studentenkneipe
Bürger und Studenten gingen in dem Gasthaus ein und aus, die Wirtschaft war eine Goldgrube.
Dies vor allem, als die Söhne des Carl Friedrich Müller 1863 aus dem Schildwirtshaus eine
Cafewirtschaft machten und 3 Jahre später eine Schnapsbrennerei einrichteten. Das umfasste
eine Konzession zum Verkauf von Rum, Arak (ein klarer ungesüßter Anisschnaps, der Name
bedeutet auf arabisch Schweiß ), Kirsch und Heidelbeergeist und Malaga. Sie wurden in Mengen
von bis zu ½ Schoppen über die Strasse verkauft. In Süddeutschland umfasste damals ein
Schoppen einen halben Liter. Für die Baupläne, im Garten der Neckarmüllerei eine Brauerei zu
errichten, erhielten die Brüder Müller 1866 von der Stadt die Genehmigung. Sie scheiterten aber
an den heftigen Einsprüchen der Nachbarschaft. Obwohl die „Bauconzession“ bereits erteilt
war, wurde sie auf Anweisung der Kreisregierung zurückgezogen.


Patronentasche ohne Patronen
1867 wurde das Haus zum Neckar hin mit einem Anbau erweitert, einem zweigeschossigen
geschlossenen Balkon, der von der Bevölkerung „ Patronentasche“ genannt wurde.
Im Jahr 1902 verkaufte die Familie Müller das gesamte Anwesen an den Mühlenbesitzer Louis
Schnaith, Privatier und Gemeinderat. Die Pächter Schnaith's errichteten einen blühenden Gartenbetrieb,
denn, so heißt es in den Konzessionsakten der Stadt: „Das Bedürfnis für das
Bestehenbleiben dieser Gartenwirtschaft ist um so mehr vorhanden, als es bekanntlich insbesondere
im Zentrum der Stadt an Gartenwirtschaften völlig fehlt, da der Museumsgarten nur den
Mitgliedern der Museumsgesellschaft offen steht“. Zwischen 1903 und 1910 wurden eine
offene Gartenhalle und eine Kegelbahn angebaut. Der Platz zwischen Neckarmüllerei und Neckarbrücke
wurde auf Beschluss des Gemeinderates nach Plänen des Stuttgarter Architekturprofessors
Theodor Fischer neu angelegt und ringsum mit Platanen bepflanzt. Der alte
Lützelbrunnen wurde in der Mitte des Platzes neu gefasst und erhielt als Schmuck die legendäre
Brunnennymphe des Bildhauers Karl Merz.1961 wurde die hübsche Nymphe an den
Anlagensee umgesetzt.


Treffpunkt von Verbindungen
14 Jahre später, im ersten Weltkrieg, wurde die Neckarmüllerei an das Corps Suevia, die
„Schwaben“, verkauft. Dieses Corps hatte 1877 das 400jährige Jubiläum der Universität im
Cafe Müller gefeiert und baute dann das heutige Schwabenhaus. Der Garten am Fluss wurde
eine Attraktion, er lag direkt neben der„ „Patronentasche“, von dem aus die Gäste und
Küchenmamsellen laut riefen: „Jockele" sperr!! “Die Neckarflöße besaßen damals ein oder zwei
Brems- oder Sperrvorrichtungen. Musste das Floß abgebremst werden, so gab der Vorflößer
seinem Kollegen die Aufforderung: “Jockele sperr!“ Die Entfernung zwischen den Flößern
betrug bis zu 360 Metern, so dass eine Verständigung nur mit größter Lautstärke möglich war
und in der ganzen Umgebung gehört wurde. Aus diesem Grund wurde der Ruf über viele Jahre
lautstark von den Besuchern imitiert.
Neben der Suevia “kneipten“ hier auch die Tübinger Wingolf, die Guestfalia, die Palatia, die
ATV Arminia und die Stuttgardia, denn deren eigene Verbindungshäuser wurden erst später
gebaut. Die Neckarmüllerei war viele Jahre auch Stammlokal des Rudervereins Fidelia und der
Tübinger Spielervereinigung, nach dem ersten Weltkrieg auch vom ADAC.


Musik und Tanz
Nach dem ersten Weltkrieg verpachtete die Suevia die Neckarmüllerei an die Brauerei Leicht,
diese an den Küchenchef Erwin Früh. Der wandelte die Gaststätte in ein Cafe-Konzert-Restaurant
um, die Kegelbahn wurde zum Gartenbuffet umgebaut. Seit 1922 wurden hier Frühschoppenkonzerte
veranstaltet,1926/1927 spielte dabei die damals laut Zeitungsartikeln berühmte
Tanzkapelle „Toni Lehmann“.
Anfang 1930 erwog Oberbürgermeister Adolf Scheef, Pläne für einen Neubau an dieser attraktiven
Stelle der Stadt zu unterstützen bzw. das Areal durch die Stadt selbst aufzukaufen.
Steueramt und Stadtpflege waren jedoch dagegen, deshalb scheiterte 1935 das Projekt
endgültig. Es wurden aber Sanierungs- und Erweiterungsarbeiten an den bestehenden Gebäuden
vorgenommen. Die Materialien dafür konnten oft nur schwarz besorgt und in die Stadt
geschmuggelt werden.
Die Gartenwirtschaft erlebte in dieser Zeit eine neue Blüte. Die Tanzveranstaltungen, vor allem
die so genannten „italienischen Nächte“ waren so ausgiebig besucht, dass Nachbarschaftsbeschwerden
an den Gemeinderat gingen. Aber der schätzte die Bedeutung der Neckarmüllerei
hoch ein und ließ statt wie üblich eine sogar zwei Tanzveranstaltungen pro Woche zu.
1944 wurde die Neckarmüllerei im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, im Garten musste
vorübergehend eine Behelfsgaststätte eingerichtet werden. 1946 wurde dort für fünf Monate
sogar eine Mensa mit großen Eintopfkesseln im Ostanbau zwangseinquartiert, da der Prinz Karl
von den Franzosen beschlagnahmt war.


Besuch vom Bundespräsident und Schlägereien
Nach einigen Pächterwechseln entstand 1950 neuer Glanz mit dem Inhaber Kurt Haug, dessen
Küche und Konditorei sehr geschätzt waren: Als Bundespräsident Theodor Heuss am 05. Juli
1950 Tübingen besuchte, das damals Regierungssitz des Landes Württemberg-Hohenzollern
war, kehrte er mit seiner Entourage in der Neckarmüllerei ein. Es gab eine meterlange festliche
Tafel mit Köstlichkeiten unter der Kastanie im Garten: Ochsenzunge in Rotweintunke mit
Handspätzle, Königinpastete und Kraftbrühe mit Markklößchen, Erdbeertorte mit Schlagsahne
und Sylvaner. Heuss bedankte sich und meinte, er habe selten so gut gegessen.
Die Stadt kaufte 1950 das dringend sanierungsbedingte Gebäude von der Suevia „zur Sicherung
der Planung an der Neckarbrücke“. Der Inhaber Haug kündigte 1955 und bis 1962 verlor die
Neckarmüllerei mit dem damaligen Pächter auch ihren guten Ruf durch eine Bar und ein
Tanzcafe. Es häuften sich Beschwerden der Nachbarschaft an die Polizei: Es gebe randalierende
Halbstarke, Schlägereien, Alkoholorgien, die Neckarmüllerei sei ein „Wildwestpuff“. Ein
Zeitzeuge erinnert sich gar, dass die Wirtsleute im Lokal einen eisernen Hundezwinger von drei
mal drei Metern aufgestellt hatten. In ihm befanden sich zwei Bulldoggen, die bei Bedarf zur
Abschreckung renitenter Gäste frei gelassen wurden.
Als das Thema Tagesordnungspunkt im Gemeinderat wurde, war eine Gemeinderätin allerdings
der Ansicht, „unsaubere“ Elemente, die im Neckarmüller verkehrten, würden damit von anderen
Lokalen fern gehalten, denn: „Wenn die Neckarmüllerei schließt, gehen die Studenten woanders
hin!“


Pläne und Debatten
Zwischen 1955 und 1966 gab es Verhandlungen über Neunutzung und Bebauung und eine
Ausschreibung für Architekten. Aber kurz vor der Genehmigung eines modernen Architektenentwurfes
wurde 1969 der Protest der Bürgerschaft massiv, man wolle kein “futuristisches
„Alphaville“.
1971 erfolgte dann der Abbruch der Neckarmüllerei, trotz lautstarker Proteste der neu gegründeten
„Bürgerinitiative Neckarmüllerei“. Fast 20 Jahre lang dauerten die Debatten über die Nutzung
des Gebäudes, bis Einigkeit herrschte: Den Neckarmüller soll es wieder geben.
1989 wurde ein beschränkter Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Der heutige Bau entsprach
am ehesten den Vorstellungen des damaligen Sonderamtes für Altstadtsanierung. Man
war der Meinung, er füge sich in die Stadtbildsatzung ein, kopiere aber nicht das ehemalige
Fachwerkgebäude, sondern stelle bewusst Kontakt zur Umgebung her.
1989 gab es einen Gemeinderatsbeschluss: Heinrich Fischer vom Brauhaus Mössingen, der
ehemaligen Krone-Brauerei, genannt der „Kronen-Heiner“, erhielt den Zuschlag zum Bau des
Gebäudes.1991 war Baubeginn und Richtfest, 1992 die Eröffnung der neuen Gasthausbrauerei„
„Neckarmüller“. Das Gebäude war von Anfang an nicht unumstritten. Der Spitzgiebel war
vorgeschrieben, aber Kritik gab es vor allem an dem riesigen aufgemalten Bierbrauer.
Bis heute stehen im Schankraum die großen Sudkessel, in denen direkt vor den Augen der Gäste
die „Neckarmüller Weiße“ gebraut wird. Das von der Brauerei nach dem Besitzer benannte
Bier „Heinerle“ wurde beworben als „ Bier zum Anfassen“.
Seit 1994 ist die Tochter des Inhabers die Geschäftsführerin des Lokals.


Die Neckarmüllerei heute
Der Neckarmüller wurde sofort nach der Eröffnung ein beliebter Treffpunkt. Vor allem in den
Sommermonaten gab es in dem attraktiven Biergarten eine große Nachfrage nach Bier und
Speisen. Der Kiosk im Garten war ohne Wissen und Genehmigung der Bauämter errichtet
worden, aber 1996 wurde der Abriss von der Stadtverwaltung als nicht verhältnismäßig angesehen.
Der Inhaber hatte das von der Stadt bisher in Erbpacht gehaltene Grundstück teilweise
gekauft und dann einen Erweiterungsanbau Richtung Neckar und Biergarten durchgeführt. 2009
stieß allerdings der Verkauf von zwei weiteren Grundstücksflächen innerhalb des Geländes an
denselben Inhaber bei vielen auf Unverständnis und Kritik. Obwohl sich die Stadtverwaltung
das Baurecht vorbehält und somit weiterhin Einfluss hat, sind nicht wenige der Ansicht, die
Stadt habe ein „Filetstück“ verkauft.
Nach einer weiteren Umbauzeit von fünf Monaten gab es im Mai 2010 eine Wiedereröffnung.
Es gibt jetzt einen abtrennbaren Bereich für Veranstaltungen und einen Spielbereich für Kinder.
Das Konzept dreht sich weiterhin um Bier, mit Angeboten wie Bierseminare „Schauen beim
Brauen“ oder Glühbier im Winter.
Nach 200 Jahren ist der Neckarmüller mit seinem Biergarten direkt am Neckarufer mit den
riesigen alten Kastanienbäumen noch immer ein besonders schöner Ort mitten in Tübingen, ein
attraktives Ausflugsziel für Jung und Alt.

 
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